Das ist die Konstruktion eines Schnittes für ein Kleidungsstück mittels Berechnungen auf der Basis von gemessenen oder einer Tabelle entnommenen Maßen und Formeln. Damit wird eine Zuschneidevorlage oder umgangssprachlich ein Schnittmuster erstellt. Dieser Schnitt ist zweidimensional.

Das klingt fürchterlich technisch, ist es auch – aber trotzdem ist es auch sehr kreativ, nämlich dann, wenn es an die eigentliche Entwicklung des Modells geht. Hier kann man wunderbar an der Puppe arbeiten und das Kleidungstück gestalten – und das macht richtig Spaß!

Diejenigen unter euch, die Schnittgestaltung studieren, sind wahrscheinlich eh schon begeistert von Schnittkonstruktion. Für diejenigen, die Modedesign studieren, ist das Fach Schnittkonstruktion oft ein rotes Tuch oder einfach ein Buch mit sieben Siegeln. Ich möchte euch auf meiner Webseite gerne zeigen, wie Schnittkonstruktion wirklich Spaß macht und dass es gar nicht so geheimnisvoll ist, wie es oft erscheint.

… und was ist ein Schnitt?

Ein Schnitt ist kurz gesagt die 2-dimensionale Abformung eines 3-dimensionalen Körpers.

Würfel abgewickelt

Nehmen wir einen Würfel. Der besteht, wie jeder weiß, aus 6 gleichgrossen Flächen. Wenn ich die Nähte des Würfels jetzt auftrenne und abwickle, dann erhalte ich eine Fläche. Die ist 2-dimensional. Das ist der Schnitt für diesen Würfel, denn wenn ich den jetzt richtig „zusammen nähe“, habe ich wieder meinen Würfel. Der ist 3-dimensional.  So einfach! Für die Bekleidung ist es dennoch ein wenig komplizierter, weil unser Körper ja nicht ganz so einfach gebaut ist.

Architekten für Bekleidung

Der Schnitt ist also die Vorlage für das Zuschneiden des Stoffes, aus dem das entworfene Modell genäht werden soll. Und nicht nur das! In einem gut ausgearbeiteten Schnitt habt Ihr Euch genau überlegt, wie das Modell verarbeitet werden soll. Es geht also nicht nur um die Form des Kleidungsstückes, sondern auch um sein „Innenleben“ und um Funktionalität. Schnittmacher sind gewissermaßen Architekten für Bekleidung, sofern sie auch den Entwurf mitgestaltet haben.

Seit wann werden Schnitte eigentlich konstruiert?

Tatsächlich gab es schon 1560 ein erstes Konstruktionsbuch von einem gewissen Niedermay, aber die Menschen trugen ja viel früher Kleidung.

Ein Ausflug in die Geschichte…

Schon der Homo sapiens vor ca. 600 000 Jahren brauchte Kleidung, um sich zu schmücken, vor dornigem Gestrüpp und schlechtem Wetter zu schützen. Blätter und Felle hatten zu dieser Zeit natürlich nichts mit Schnittkonstruktion zu tun. Es dauerte etwa bis 5000 v.Chr., dass Gewebe in einer bestimmten Form hergestellt wurden, um sie dann gar nicht oder nur mit wenigen Stichen zu verbinden – immerhin eine Auseinandersetzung mit der Abformung vom Körper! Das Hemdgewand aus der assyrisch-babylonischen Kultur ca. 3000 Jahre später hatte jedenfalls schon angeschnittene Ärmel.

Etwas aufwändiger zusammengesetzte Kleidungsstücke findet man eher zu Beginn der Zeitrechnung. Die Hose und die eingesetzten Ärmel bedürfen schon einer technischeren Auseinandersetzung mit dem Bau des menschlichen Körpers.

Erst im 12. Jahrhundert verfeinerte sich der Schnitt der Kleidung so sehr, dass sich das Schneiderhandwerk herausbildete.

Experten auf dem Vormarsch

Erstmals gab es Experten, die sich beruflich mit dem Schnitt von Bekleidung auseinandersetzten und Kleidung auf Maß für ihre Kundinnen und Kunden anfertigten. Zunächst wurden Schnittteile nur frei figürlich dargestellt, direkt auf den Stoff gezeichnet. Ich kann das ein bisschen aus meinen eigenen Anfängen in der Teeniezeit nachempfinden. Erste Schnittaufzeichnungen sahen dann etwa so aus:

Wams und Umhang nach Arnold

Das „Libro de Geometria, practica y traca“ von Alcega befindet sich im Victoria and Albert Museum in London, nachzulesen bei Janet Arnold „Patterns of Fashion 3“

Entwicklung im Eiltempo

Von da an hat sich die Konstruktion im Vergleich zum vorherigen Zeitraum rasant entwickelt.

Der Handel mit Fertigkleidung hielt bald darauf Einzug, etwa im 14. Jahrhundert. Man entwickelte offensichtlich einen Musterschnitt und möglicherweise in verschiedenen Größen, wobei hier sicherlich noch nicht von einem System, weder für die Schnittkonstruktion noch für Größen, gesprochen werden kann. Die Erzeugung militärischer Uniformen (z.B. 1670 unter Ludwig XIV. und dessen Anordnung einheitlicher Paradeuniformen) brachte großartige Kenntnisse in der Herstellungstechnik. 1690 gab es ein erstes Buch mit mathematischen Schnittgrundlagen von einem Herrn Seranio – „Geometrie der Bekleidungskunst“. Ein wichtiger Beitrag zur Systematisierung von Größen und der Verbreitung von Schnittmustern war die Erfindung des Papierschnittes und dessen Gradierung (Einrichtung in vielen Standardgrößen) 1863 durch den Amerikaner Ebenizer Butterick.

Seither sind viele Schnittsysteme entwickelt oder teilweise auch wieder verworfen und in den 1930er Jahren zu einem „Einheitsschnitt“-System zusammengefasst worden. Durch Massenmessungen konnten erstmals Ende der 50er Jahre Größensysteme vereinheitlicht werden.

Hightech-Schnittkonstruktion

Zu Beginn der 1970er Jahre kamen die ersten CAD-Programme für die Entwicklung von Schnitten auf den Markt. Ende der 80er wurden erste Messsysteme zur automatischen Körpermessung entwickelt. Dementsprechend wurden die letzten Reihenmessungen 2008/09 berührungslos durchgeführt! Natürlich arbeiten die CAD-Anbieter längst an 3D-Programmen für die Schnittentwicklung. Es ist phantastisch – du nimmst deine Schnittteile des Modells, nähst sie virtuell zusammen und führst am virtuellen Modell eine Anprobe durch!

Die beliebtesten Schnittsysteme

Bis heute gibt es eine Reihe von Schnittkonstruktionssystemen – die populärsten sind wohl „M.Müller & Sohn“, das „Hohensteiner Schnittsystem“ oder „Systemschnitt – Jansen/Rüdiger“. Wahrscheinlich werdet Ihr in Eurer Ausbildung eines dieser Systeme erlernen. Und auch die Entwicklung von Schnitten mittels CAD ist aus den Schulen heute kaum noch wegzudenken.

Wissen, wie’s geht

In meiner Tätigkeit als freie Dozentin habe ich den Designstudierenden immer gern davon erzählt, wie unschön es ist, wenn man eine Idee hat und man nicht weiß, wie man sie wirklich gut umsetzt. Wie ärgerlich ist es, wenn man in einem Unternehmen beschäftigt ist, wo es Schnittmacher gibt und die erzählen einem dann, dass die Idee nicht umsetzbar wäre. Und was für eine Erleichterung, wenn man dann weiß, wie’s geht, und sagen kann: so geht’s! In meiner Zeit als Schnittmacherin bei Vivienne Westwood kam meine Chefin oft auf mich zu mit den verrücktesten Schnittideen. Sie hatte sie selbst ausprobiert im Detail und wusste genau, wie etwas umsetzbar war. Ich habe bei ihr gelernt, dass man für fast alles eine Möglichkeit findet, ein Kleidungsstück in die Tat umzusetzen.

 

Verschiedene Wege führen zum Schnitt

Schnittentwicklung an der Puppe

Schnittentwicklung an der Puppe

Ich möchte euch zeigen, wie man an einer Puppe Grundschnitte abformen und abnehmen kann und so zu einem entsprechenden Schnitt kommt.

Gleichermaßen möchte ich euch zeigen, wie man mit Hilfe einer Anleitung direkt auf Papier einen solchen Grundschnitt konstruieren kann. Ich möchte euch helfen, eure eigene Ausstattung an Grundschnitten zu entwickeln, auf deren Basis ihr dann ganz individuelle Modelle nach euren Vorstellungen kreieren könnt.

 

Wir werden darüber sprechen, welche Werkzeuge ihr braucht, wie ihr richtig Maß nehmt und natürlich wie ihr mit den Grundschnitten arbeiten könnt sowie weitere Tipps rund um die Schnittkonstruktion.

 

Dazu brauche ich auch eure Hilfe. Ich würde mich freuen, wenn ihr rege teilnehmt und mir in euren Kommentaren mitteilt, wie es euch gefällt und was ihr gern noch wissen möchtet.

 

Ich danke euch für euer Interesse und wünsche uns gemeinsam viel Spaß.

 

Herzlichst

Eure Evelyn

 

Literaturempfehlungen:

Reclams Mode- und Kostümlexikon *) von Ingrid Loschek;

Patterns of Fashion 3 – The cut and construction of clothes for men and women c1560-1620 *) von Janet Arnold

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