Worum geht es eigentlich in der Anprobe?

Ziel einer Anprobe ist es zum einen, die Passgenauigkeit eines Kleidungsstückes zu überprüfen, zum anderen schaut man auf die gestalterische Aussage. Entspricht das Modell meinem Entwurf? Es ist alles offen – wenn dir das Teil in der Anprobe so besser gefällt als dein Entwurf war – go for it! Dazu ist die Anprobe da. Manchmal sieht eine Zeichnung besser aus, als sie sich in Wirklichkeit umsetzen lässt – und umgekehrt 😉 . Manchmal kommt man in der Umsetzung auf bessere Ideen, die man sich beim Zeichnen einfach nicht vorstellen konnte.

In der Bekleidungsindustrie wird in der Musterungsphase üblicherweise nur eine Anprobe durchgeführt. Mit so viel Erfahrung reicht das auch erst einmal und Zeit ist eben Geld. Die Musterteile werden dann genäht und auf den Messen und von Vertretern den verschiedenen Kunden zur Bestellung angeboten. Nur bestellte Teile gehen dann nochmal in den „Feinschliff“. Hier wird die Passform gegebenenfalls nochmals optimiert, bevor sie gradiert (in die verschiedenen Größen vergrößert und verkleinert) werden.

An der Uni sind meistens 2 Anproben üblich – die erste für’s Grobe, die zweite für den Feinschliff und um festzustellen, ob man das Teil nun im Originalstoff nähen kann für die Semesterprüfung 😉

Wie bereitest du die Anprobe vor?

Das erste Modell sollte in einer geeigneten Ersatzware genäht sein oder auch im Originalstoff, wenn der nicht zu teuer war oder davon auszugehen ist, dass die Änderungen am genähten Modell vorgenommen werden können.

Du solltest das Modell nach Möglichkeit an einer Person anprobieren, die die entsprechenden Körpermaße hat, die du für die Schnittentwicklung vorausgesetzt hast. Dazu musst du sie durchmessen. Ordne deine Testperson (Model) in die entsprechende Konfektionsgröße ein und ermittle die Abweichungen, um bei Fragen der Passform hier mögliche Ursachen zu finden.

Wenn das Kleidungsstück für dich selbst ist, dann brauchst du jemanden, der dir bei der Anprobe hilft, denn du kannst schlecht an dir selbst stecken, vor allem nicht an deiner Rückseite! Falls du keine Möglichkeit hast, an einem Model (Person) zu probieren, kannst du das Modell auch an der Puppe*) anprobieren. Das ist bei Oberteilen weniger problematisch. Dennoch hat eine Puppe meistens keine Arme und kann dir auch nichts über den Tragekomfort sagen. Die wenigsten besitzen eine Puppe, an der man Hosen anprobieren kann. Und selbst dann ist die Anprobe am lebenden Model besser!

Vorbereitung des zu probierenden Kleidungsstückes

  • Nähte mit großen Stichen zusammengenäht
  • Kanten nicht verstürzt
  • Unterkragen (nicht verstürzt)
  • Taschen und Patten in Originalgröße (Ersatzstoff oder Papier) aufgeheftet
  • Ärmel mit großen Stichen eingenäht
  • Mitten aufeinanderstecken

Bereite deinen Prototyp (Erstmuster) für die Anprobe so vor, dass du später am Schnitt die Änderungen gut nachvollziehen und übertragen kannst. Dazu gehört z.B. auch, die Markierungen an den Schnitteilen auf das Testmuster zu übertragen.

  • Vordere Mitte (VM), hintere Mitte (HM)
  • Brustumfangs-, Taillenumfangs-, Hüftumfangs-Linie
  • evtl. Brusttiefen-Punkt, -Linie
  • Ärmeleinsatzpunkte
  • Knopflochlage
  • Taschenlage

Kontrolliere außerdem, ob die Nahtzugaben am Prototyp wie die an den Schnitteilen genäht wurden.

Weitere Materialien für die Anprobe:

  • Modellskizze / Fotovorlage für Entwurf
  • Modellschnitt
  • Material zum Unterstecken
  • Stecknadeln
  • Maßband
  • Stoffschere
  • Papier und Stift für Notizen

Außerdem für die Anprobe förderlich

Was wird zu dem zu probierenden Kleidungsstück getragen?

  • entsprechende Unterkleidung
  • entsprechende Schuhe
  • entsprechende Ergänzungskleidung

Anna trägt im Video einfach ein eng anliegendes Trägertop, das in die Hose gesteckt wurde und keine Schuhe. So oder mit flachen Schuhen würde man das Modell dann beispielsweise auch tragen. Man kann sich auf diese Weise einen guten Gesamteindruck verschaffen.

Anprobe – Ablauf

Überprüfung der gestalterischen Aussage

Verschaffe dir zunächst einen Gesamteindruck in Verbindung mit dem Modellentwurf! Entspricht das Modell hier deinen Vorstellungen?

Probiere verschiedene Dinge aus, wandle ab, würdest du irgendetwas anders gestalten?

Mach dir Notizen dazu!

Überprüfung der Passform

Was sitzt nicht so, wie du es dir vorstellst?

Kann dein Model dir Hinweise zum Tragegefühl geben, wo zwickt und kneift es?

Was ist die Ursache für den Passformfehler? Wie kannst du den Fehler beheben?

Mach dir Notizen dazu!

Anprobenprotokoll

Das möchte ich noch einmal betonen: MACH DIR NOTIZEN!

  • schriftliche stichpunktartige Erfassung der in der Anprobe festgestellten vorzunehmenden Veränderungen am Schnitt sowie Beschlüsse für die Verarbeitung

Wenn du viele Teile anzuprobieren hast, blickst du irgendwann nicht mehr durch. Und wenn du nicht sofort im Anschluss die Änderungen vornehmen kannst, wirst du alles vergessen.

Ich habe es immer wieder erlebt, wie die Studierenden eifrig in der Anprobe an ihrem Modell gesteckt und geschnippelt und nebenher keine Notizen gemacht haben. Es ist anstrengend, nachher alles aus dem Gedächtnis aufzuschreiben.

Im Zeitalter von Smartphones kann man auch Sprachmemos aufzeichnen und Fotos machen, wenn man sich auch da entsprechend organisiert.

Zweite Anprobe

Wenn du noch eine zweite Anprobe nach der Schnittänderung durchführen möchtest, dann bereite dein Musterteil dieses Mal mit Belegen vor:

  • Nähte genäht und gebügelt
  • Kanten verstürzt
  • Kragen und Taschen fertiggestellt

Überprüfe wie beim ersten Mal gestalterische Aussage und Passform. Sind alle Mängel behoben. Stimmt die Passform? Gefällt dir das Gesamtbild?

Herzlichen Glückwunsch! Leg los und nähe das Modell endlich im richtigen Stoff! Es wird sicher toll!

Herzlichst,

Evelyn

Übrigens: wenn du dir die Hose aus dem Video entwickeln möchtest, dann schau hier nach, wie’s geht.

Hat dir dieser Artikel geholfen? Hast du Fragen oder Anregungen? Her damit! Ich freue mich über deinen Kommentar.

*) Das sind Affiliate-Links. Kaufst du nach dem Klick auf den Link etwas, erhalte ich eine kleine Provision. Dadurch unterstützt du meine Arbeit. Vielen herzlichen Dank dafür!